Archivio per fuga

Bardamu-Louis-Ferdinand

Posted in letteratura with tags , , , , , , , , on aprile 14, 2008 by paceesalute

“Ich versichere Sie, Molly, daß ich Sie wirklich lieb habe, und ich werde Sie immer lieb haben… so gut ich’s kann. Auf meine Weise…”

Meine Weise, das hieß: nicht so sehr. Und sie war doch schön und verführerisch. Aber ich hatte nun mal diese verdammte Neigung zu Hirngespinsten. Vielleicht konnte ich gar nichts dafür. Das Leben zwingt einen zu oft dazu, sich mit Hirngespinsten zu begnügen.

“Sie haben ein sehr liebevolles Herz”, beruhigte sie mich, “und Sie sollen nicht meinetwegen weinen… Der Wunsch, alles zu wissen, macht Sie ganz krank. Das ist das Ganze… Schließlich ist Ihr Weg Ihnen wohl vorgezeichnet… Ihnen allein. Die einsamen Wanderer legen immer die größte Strecke zurück… Also reisen Sie bald ab?”

“Ja, ich will in Frankreich zu Ende studieren, und dann komme ich hierher zurück”, versicherte ich dreist.

“Nein, Ferdinand, Sie werden nicht wiederkommen… Und ich würde auch nicht mehr hier sein…”

Sie machte sich nichts weis.

Der Augenblick der Abreise kam. Eines Abends, kurz vor der Stunde, zu der sie ins Haus zurückkehren mußte, gingen wir zum Bahnhof. Ich hatte mich im Laufe des Tages von Robinson verabschiedet. Er war auch nicht begeistert davon, daß ich ihn allein zurückließ. Alle Leute ließ ich immer allein zurück. Als Molly und ich auf dem Bahnsteig den Zug erwarteten, gingen ein paar Männer vorbei, die taten, als kennten sie sie nicht, aber sie flüsterten miteinander.

“Jetzt sind Sie schon weit fort, Ferdinand. Nicht wahr, Ferdinand, Sie tun doch ganz bestimmt das, was Sie wirklich wollen. Das ist das Wichtigste. Darauf allein kommt’s an…”

Der Zug ist in den Bahnhof eingefahren. Ich war von meiner Unternehmung nicht mehr sehr überzeugt, als ich die Lokomotive sah. Ich küßte Molly mit aller Kraft, die ich noch im Leibe hatte. Zum erstenmal empfand ich echten Schmerz um alle Welt, um mich, um sie, um alle Menschen.

Vielleicht sucht man nichts anderes im Leben als den größten Schmerz, der möglich ist, um einmal man selbst zu sein, bevor man stirbt.

Viele Jahre sind seit jener Abreise vergangen… Ich habe oft nach Detroit geschrieben und an alle anderen Adressen, an die ich mich erinnern konnte, wo man etwas von Molly wissen und ihr die Briefe nachsenden konnte. Ich habe niemals eine Antwort erhalten.

Das öffentliche Haus ist jetzt geschlossen. Das ist alles, was ich erfahren habe.

Gute, verehrungswürdige Molly, wenn du an einem mir unbekannten Ort dies liest, sollst du wissen, daß ich mich dir gegenüber nicht verändert habe, daß ich dich immer und ewig liebe, auf meine Weise, und daß du immer hierherkommen und mein bescheidenes Los teilen kannst, wenn du willst. Solltest du nicht mehr schön sein, so macht das gar nichts. Wir werden uns schon damit abzufinden wissen! Ich habe soviel Schönheit von dir in meiner Erinnerung behalten, so warm und lebhaft, daß das für uns beide und für mindestens zwanzig Jahre ausreicht.

Es war eine große Dummheit und gemein und roh von mir, sie zu verlassen. Aber bis zum heutigen Tage habe ich um meine Seele gekämpft, und wenn mich morgen der Tod hinwegnähme, dann würde ich, dessen bin ich ganz gewiß, doch niemals so kalt und gemein und schwerfällig gewesen sein wie die anderen, soviel Liebe und Träume hat mir Molly während dieser Monate in Amerika geschenkt.

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